Er grinst, als er vor sich hin schaukelt. So, als würde er an eine urkomische Sache denken. „Was ist?“ Ich setze mich auf die Schaukel neben ihn und verdrehe die Ketten so, dass ich ihn ansehen kann. Er schaut mich an. Mir bleibt die Luft weg. Wie immer, wenn ich seine makellose Gestalt betrachte. Aber jetzt ist es schlimmer. Das Licht der Abendsonne wirft lässt seine Augen noch grüner aufleuchten und die kleine Windbrise zerzaust seine schwarzen, seidigen Haare. Er grinst immer noch, was mein Herz noch mehr belastet. Ich falle gleich von der Schaukel, wenn der so weiter macht. „Was glaubst du denn, was ich denke?“ Was glaubst du denn, was ich denke. Kein anderer Junge hätte je so einen Satz gesagt. Aber der geheimnisvolle Marvin drückt sich mal wieder in Rätseln aus. „Weiß nich…“ Ich lege meinen Kopf schief. Er lächelt weiter und nimmt Schwung. Super. Marvin und ich auf dem Spielplatz. Wieder so eine typische Situation… Marvin lässt die Schaukel ausschwingen und legt dann den Kopf an die Kette. Ganz plötzlich kommt die unerwartete Frage. „Vermisst du deinen Vater?“ Ich erschrecke. Der direkte und unberechenbare Marvin. „Natürlich.“ Ich drehe mich einmal um die eigene Achse, dann schaue ich ihm ins Gesicht. „Man könnte denken, nach sechs Jahren ist das mal vorbei, aber ich bin wohl anders. Manchmal sitze ich einfach nur in dem Sessel, in dem er immer seine Kreuzworträtsel gelöst hat und denke an früher. Ist wahrscheinlich krank, das ganze bringt ja nichts. Aber manchmal wache ich auch heulend auf und so…“ Verlegen starre ich die riesige Eiche an. Aber Marvin wäre nicht Marvin, wenn er mich nicht solange mit Blicken durchbohren würde, bis ich ihm wieder in die Augen sehe. Lange schauen wir uns nur schweigend an, dann hebe ich meine Füße vom Boden und schwinge wieder in die normale Position. „Vielleicht grinse ich ja einfach nur so vor mich hin, weil es gerade so schön ist? Weil gerade mal niemand, den wir lieben, im Sterben liegt, wir keine größeren Sorgen haben und uns mit niemanden streiten. Weil der Moment so schön ist?“ Ich seufze und stelle mich vor ihn. Lehne mich an den Balken. Er lächelt und schaukelt, ohne mich an zusehen, vor sich hin. „Eigentlich schade, dass jemandem wie du so etwas passieren muss.“ Ich lächle. „Vielleicht geht es jenen Menschen ja gar nicht so toll, von denen wir immer glauben, dass sie perfekt sind und alles bekommen, was sie brauchen?“ „Du bist ein guter Mensch.“ „Und was ist schlecht? Wo ist die Grenze?“ Marvin schaut nachdenklich in die Ferne. „Was sind schon Grenzen…“ „Eben.“ Sein Blick hängt an mir. „Du bist so ganz anders als die anderen Mädchen, weiß du das?“?Ich erschrecke beinahe. Noch nie hatte Marvin einen Satz von sich gegeben, der weniger zweideutig war. Immer noch hat er dieses geheimnisvolle Lächeln auf den Lippen, aber jetzt mischt sich etwas Flirtendes dazu. „Das sagst gerade du?“ Er sieht so wunder, wunderschön aus. Seine dichten, schwarzen Wimpern umrahmen die grünen Augen perfekt. Die warmen Lichtstrahlen der untergehenden Sonne lassen seine helle Haut aufleuchten. Eine pechschwarze Strähne hängt ihm ins Gesicht, am liebsten würde ich sie ihm zurückstreichen. Er zieht mich an meiner Hand sanft näher zu ihm. Mein Verstand setzt aus. So nah war ich im noch nie, denn Marvin geht immer auf Distanz. Geistig wie körperlich. Aber jetzt darf ich sein herzerwärmendes, geheimnisvolles Lächeln aus der Nähe betrachten. Er steht auf und streicht mir über die langen Haare. „Wie machst du das? Wie schaffst du das?“ Zärtlich fährt er mit dem kleinen Finger über meinen Rücken. „Nur du kannst das.“ „Was?“ Er zieht mich an sich und küsst mich auf den Mund. Mir wird schwarz vor Augen, ich kralle mich an seinem Nacken fest. „Hey…“ Meine Knie sacken unter mir weg und Marvin legt schnell einen Arm um meine Taille, setzt mich auf dem weichen Gras ab und kniet sich vor mich. „Geht’s dir nicht gut?“ „Es ist nur…“ Ich hole tief Luft, denn diese ist gerade eben aus meiner Lunge entwichen. „Du bist so unglaublich. Und gerade eben, das war ein bisschen viel für mein Herz.“ Ich grinse ihm zu. „Du bist so unglaublich. Damit hab ich jetzt einfach nicht gerechnet, das war alles. Wenn du wüsstest…“ „Wenn ich was wüsste?“ „Nichts.“ Dieser Blick. Leichtes Lächeln und stechender Blick. Gerade mal eine halbe Minute halte ich es durch. „Seit einem halben Jahr geht das jetzt schon so. Jede Nacht erscheint mir dein Bild im Schlaf. Und jede Sekunde denke ich an dich. Widerstand bringt nichts. Hab schon alles versucht. Du bist anziehend wie…“ Aus dem leichten Lächeln wird eines, das ich an ihm noch nie gesehen habe. Ein glückliches, fröhliches, breites. Er nimmt strahlend meine Hände in seine. „Eigentlich glaube ich ja nicht, dass es Menschen gibt, die einfach füreinander bestimmt sind. Der Mensch ist genauso wie eine Biene oder eine Phyton ein Lebewesen, geschaffen von der Natur. Nicht mehr und nicht weniger. Wir sind nicht der Mittelpunkt der Erde. Aber das Gefühl, das mich gerade überwältigt…“ Ich beuge mich vor und küsse ihn noch mal. Er legt eine Hand sanft in meinen Nacken und zieht mich an sich.