Running away Plötzlich steht sie vor mir. Vor mir und Tanja. Erschrocken befreie ich mich aus Tanjas inniger Umarmung. „Sophie! Nein! Ich kann das erklären!“ Genau derselbe Satz wie in den schlechten Soaps, denke ich. So kommt mir das auch vor. Wie eine schlechte Soap. Die Kellertür knallt zu. Ich stehe auf und renne, bleibe davor stehen. Hinter mir hüstelt jemand verlegen. „Ich kann ja…“ Tom bringt Luisa zum Schweigen. Erst da fällt mir ein, dass ich ja noch auf der Party bin. Auf der verhängnisvollen Party. Mit weit aufgerissenen Augen starren mich alle an. Ich versuche, einen sinnvollen Satz zu konstruieren. Tanja starrt mich an. Tom starrt mich an. Alle starren mich an. Verzweifelt wedle ich mit den Händen in der Luft rum. „Ich…“ Dann drehe ich mich um, reiße die Tür auf und renne die Treppe rauf. Mir ist klar, dass ich dadurch mein Ansehen noch mal um ungefähr 50 Prozent sinkt, aber das ist mir egal. Sophie. „Marvin, ich würde jetzt aber nicht -“ Luisas Stimme verstummt, wahrscheinlich hat Tom ihr den Mund zugehalten. Die Ärmste tritt in wirklich jedes Fettnäpchen. Draußen schüttet es wie aus Eimern, aber das ist mir egal. Meine Gedanken sind voll und ganz auf Sopie fixiert. Ich renne mir die Seele aus dem Leib, immer die Straße entlang. Und hoffe, dass ich in die richtige Richtung laufe. Und tatsächlich. Dort läuft sie, mit gesenktem Kopf und geballten Fäusten. „Sophie!“, keuche ich. „Sophie, bitte bleib stehen! Das war ein Missverständnis!“ War es ja auch. Ich kann auch nichts für die verlorene Wette. Und den Hinterhalt, in die mich Tanjas Freunde gelockt haben. Dabei ist alles so anders… Sophie dreht sich um. „Ach ja? Missverständnis. Alles klar. Geh doch zu deiner blonden Tussi. Macht mir nichts aus. Rein gar nichts.“ Ihre Stimme zittert, ihre Worte verletzen mich. „Es sieht doch jeder Blinde, dass ihr beide füreinander geschaffen seid. Sagt doch sowieso jeder! Wollen doch sowieso alle, dass ihr zusammenkommt! Versucht doch sowieso jeder, mich vor dir als Idiotin darzustellen, damit du zu deiner Tanja kommst! Ich brauche kein Mitleid, Marvin!“ Für ein paar Sekunden starrt sie mich an, Die Regentropfen laufen ihr über das wunderschöne Gesicht. Uns trennen mindestens fünfzehn Meter. Ich will zu ihr. Sie in den Arm nehmen. Sagen, dass sie es ist, die ich will. Die ich schon seit neun Monaten will. Seit ich sie das erste Mal gesehen habe. „Ich will nur dass du glücklich bist. Und das kannst du wohl nur mit Tanja.“ Sie geht weiter. „Neeeiiin!“ Verzweifelt vergrabe ich meinen Kopf in den Händen. „Sophie, warte bitte!“ Schluchzend sinke ich auf die Knie. Mitten in eine Pfütze. Was mir aber so scheißegal ist. „Es ist doch so egal, was die anderen sagen!“, heule ich auf. „Bitte bleib! Alles, was ich will, ist mit dir zusammen sein! Seit ich dich kenne!“ Sie bleibt stehen. „Bitte! Ich liebe doch nur dich!“ Sophie atmet hörbar laut. Dann dreht sie sich um. „Was?“ Ich nicke. Langsam kommt sie auf mich zu. „Mich?“ Ich nicke. „Mich, nicht Tanja?“ Ich nicke. Sie sinkt vor mir in die Knie. Jetzt nur noch ein halber Meter Abstand. „Und du glaubst, das geht? Auch nach dem ganzen Drama? Auch wenn deine Freunde wollen, dass du Tanjas neuer Freund wirst?“ Ich nicke. „Ich will rein gar nichts von Tanja! Das heute war ein Wetteinsatz! Ich sollte sie küssen, ob ich wollte oder nicht! Dabei denke ich Tag und Nacht nur an dich, So-“ Mir bleibt die Luft weg, als sich ihre Lippen auf meine legen. Endlich. Zärtlich streicht sie mir über den Rücken. „Du Idiot!“, sie grinst mich an und lehnt ihre Stirn sanft gegen meine. „Warum hast du denn nie was gesagt?“ „Ich…“ Bewundernd sehe ich ihr in die blauen Augen. Ihr Kajalstrich ist vom Regen verwischt, trotzdem sieht sie noch fantastisch aus. Zerbrechlich und so ganz anders als alle anderen Mädchen. „Ich hatte Schiss, Tanja zu verletzen. Außerdem bin ich dann trotzdem ziemlich… schüchtern.“ Sie nickt nachdenklich. „Süß. Sie ist jetzt wohl ziemlich sicher verletzt. Also, wenn du nicht…“ Traurig steht sie auf. „Doch! Sophie, mir ist nichts wichtiger als du!“ Fasziniert schaut sie mir in die Augen. „Dann… Also, dann, äh…“ Sie holt Luft. „Ich liebe dich, Marvin.“ „Ich dich doch auch…“ Mir laufen jetzt die warmen Tränen über die Wange, doch anscheinend stört Sophie dass nicht, denn sie umarmt mich. Oder sie denkt, es seien Regentropfen. Die prasseln ungeniert auf uns nieder, doch es stört uns nicht. Dort stehen wir, und es ist mir egal, was die anderen sagen. Wir, wie schön das klingt. Wir. Ich und Sophie.